
Rom (KNA) – Vormittag, die Sonne scheint, kaum eine Wolke am Himmel – die Pilgergruppe der deutschsprachigen Gemeinde Santa Maria dell’Anima in Rom versammelt sich auf der neu gestalteten Piazza Pia bei der Engelsburg. Die Teilnehmer melden sich am Infopoint an und können dort ein Pilgerkreuz mitnehmen. Das Kreuz ziert Christus in rotem Gewand mit Krone, auf der Rückseite prangt das bunte Logo des Heiligen Jahres. Drei Frauen entscheiden sich, abwechselnd das hölzerne Kruzifix der Gruppe zu tragen.
Von der Piazza Pia bis zum Petersplatz ist für die angemeldeten Pilger ein Korridor abgesperrt. Durch diesen macht sich die elfköpfige Gruppe auf den Weg zum Petersplatz. Einige von ihnen leben in Rom, haben die Heilige Pforte des Petersdoms in den vergangenen Wochen aber noch nicht durchschritten. Es sei eine schöne Gelegenheit dies nun in der Gruppe zu tun, sagt Martina, die seit einiger Zeit mit ihrem Mann in Rom zu Hause ist.
Schweigend
Die vielen Pilger, die seit Weihnachten durch die Heilige Pforte schreiten, seien inzwischen ein alltäglicher Anblick, sagt eine andere Frau: „Man schwimmt da wirklich mit, besonders wenn man direkt daneben wohnt.“ Das erste Stück des Weges geht die Gruppe schweigend mit ein paar Fragen im Gepäck: „Welche Türen im eigenen Leben sind offen, welche zugeschlagen? Lassen sie sich wieder öffnen?“
In Anbetracht einer Tür, die nur alle 25 Jahre geöffnet und sonst zugemauert ist, liegen solche Fragen nahe. Die Impulse gibt Christina Bonacker, pastorale Mitarbeiterin in der Pfarrei Santa Maria dell’Anima. Regelmäßig lädt sie dazu ein, besondere Orte in Rom kennenzulernen. Im Heiligen Jahr mit dessen Motto „Pilger der Hoffnung“ sind es Hoffnungsorte.
Schritt für Schritt bewegt sich die Gruppe auf den Petersdom zu. Die Pilgerspur vor ihr ist leer, dennoch legt sie gelegentlich einen Stopp ein – für geistliche Impulse und an der einzigen Ampel, die den Korridor unterbricht. Freiwillige Ordner – jung und älter – säumen den Weg. Zu erkennen sind sie an ihren knallgrünen Jacken. Zwei von ihnen bekreuzigen sich, als die Gruppe mit dem Kreuz an ihnen vorbeizieht.
Dann gibt es sogar unerwarteten Gegenverkehr: Eine Familie mit zwei kleinen Kindern läuft auf der Pilgerspur in die entgegengesetzte Richtung.
Ein Ordner rennt ihnen hinterher und weist ihnen den Weg aus den Absperrungen heraus. Kaum sind die Geisterpilger aus dem Weg, nähert sich von hinten schon eine andere Pilgergruppe. Die lässt man passieren, um sich nicht hetzen zu lassen. Der nächste Impuls steht an, Baulärm von der Kirche Santa Maria in Traspontina schallt herüber.
Dann ziehen die elf Pilger weiter und erreichen den Petersplatz. Rechts entlang geht es zu den Sicherheitskontrollen. Wie oft die Pilgerkreuze wohl schon durch den Scanner gereicht wurden? Die Rampe hinauf bis vor die Fassade des Petersdoms. Von dort sind es nur noch wenige Meter bis zu Pforte.
Langsam geht die Gruppe auf sie zu, von der Seite stoßen weitere Pilger dazu. Der Blick schweift zu den bronzenen Türflügeln oder andächtig auf den Boden. Der besondere Moment wird mit dem Smartphone festgehalten. Entlang an Michelangelos Pietà, den Gräbern Johannes Pauls II. und Johannes’ XXIII. geht es zum Baldachin über dem Petrusgrab. Dort findet der gemeinsame Gang seinen Abschluss.
Ganz angetan von der Atmosphäre ist Teilnehmerin Mila: „Ich war viele Male da, aber das ist besonders.“ In Gedanken habe sie ihre Tochter und ihre Enkeltochter dabei gehabt, als sie durch die Heilige Pforte ging, erzählt sie.
Mitgehen
Thomas Müller und Ulrike Eydinger hatten sich erst am Vorabend entschlossen mitzugehen. Sie sind nicht wegen des Heiligen Jahres in Rom. Eine der Heiligen Pforten wollten sie aber auf jeden Fall durchschreiten. Dass es die von Sankt Peter wurde, sei eher Zufall, sagt Müller. Der mit dem Durchschreiten verbundene Ablass, also ein Erlass zeitlicher Sündenstrafen, spielt für die Historikerin Eydinger dabei „eine sekundäre Rolle“.
Müller ist Direktor der Luther-Museen in Wittenberg und von Berufswegen mit dem Thema Ablass vertraut. Durch die Pforte zu schreiten und in den Petersdom zu gelangen sei ein besonderes Gefühl, sagt er. „Es ist klar, dass es an Menschen nicht vorbeigeht und berührend ist.“ Egal ob jemand religiös sei oder nicht: „Man kann sich dem spirituellen Geist des Ortes nicht entziehen.“
Auch Martina ist berührt von dem gemeinsamen Erlebnis: „In der Gruppe ist man immer stärker, da trägt jemand anderes vielleicht das Kreuz für dich.“ In diesem Fall waren es die drei Mitstreiterinnen aus der Gemeinde. Mit ihnen und den anderen Pilgern geht es anschließend noch auf einen Cappuccino ins Café.