München (KNA) – Wie hältst du's mit der Religion? Dieser Gretchenfrage geht die evangelische Kirche seit 1972 alle zehn Jahre nach. 2022 beteiligte sich an der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) erstmals auch die katholische Kirche. Was herauskam, mag nach den hohen Austrittszahlen in den vergangenen Jahren nicht verwundern: Die Ergebnisse zeigten, dass die Gesellschaft in Deutschland säkularer und "religiös unmusikalischer" geworden ist. Die Bindung zu den Kirchen und das Vertrauen in sie hat massiv nachgelassen. So gaben 43 Prozent der Menschen an, konfessionslos zu sein, 25 Prozent nannten sich katholisch, 23 Prozent evangelisch.
In ökumenischer Verbundenheit hatten die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und die Katholische Akademie am Montagabend zu einer Podiumsdiskussion nach München geladen. Unter dem Motto "Kirchenvolk im Wandel" waren der evangelische Landesbischof Christian Kopp und die Juristin Beatrice von Weizsäcker geladen, die 2020 vom Protestantismus zum Katholizismus konvertierte. Dazu die Bloggerin und Studentin der Katholischen Theologie, Kira Beer, und Pfarrerin Mirjam Sauer von der "Segen.Servicestelle der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern".
Beim Bedürfnis der Menschen ansetzen
Beide Kirchen hätten sich in einer Geschwindigkeit verändert, wie es sich kaum jemand habe vorstellen können, räumte Kopp ein. Deshalb gelte: "Mit Vollkraft in den Wandel!" Auch die knapper werdenden finanziellen Mittel sorgten dafür, dass Standorte zu verändern seien. "Wir müssen dort ansetzen, wo die Menschen ein Bedürfnis haben", empfahl Pfarrerin Sauer. Da mögen die religiösen Vorstellungen noch so diffus sein; ein Segen gehe immer. Nicht warten, dass die Leute zurückkehrten, sondern: "Wir müssen als Kirche rausgehen." Stark rückläufig seien in der evangelischen Kirche die Trauungen, die Nachfrage nach Taufe und Konfirmation dagegen sei relativ stabil.
Alle Energie auf die Kinder und die Jugendlichen setzen, sie in Kindergärten und beim Konfirmationsunterricht mit der religiösen Botschaft erreichen, forderte der Landesbischof. Grund dafür sei, dass auf die klassische Glaubensweitergabe in den Familien über die Mutter oder die Großmutter nicht mehr gesetzt werden könne. Diese sei längst weggebrochen und könne nicht reaktiviert werden. "Wir müssen unsere religiöse Kommunikationsfähigkeit stärken", findet Sauer, "und uns bewähren, mit dem, was wir machen." Nicht nur dem Pfarrer oder der Pfarrerin sollte das Reden über Religion überlassen werden, jeder Christ und jede Christin habe Talente bekommen, die zu nutzen seien.
Hoffnung auf Veränderung sinkt
Das mag vernünftig klingen. Aber wer als Frau fünf Jahre lang Katholische Theologie studiert, fragt sich am Ende doch: wohin mit dem fundierten Wissen? Denn die Jobmöglichkeiten sind nach wie vor beschränkt. "Es fällt mir schwer, zu hoffen, dass sich noch viel ändert", sagte Beer. Die Schere zwischen dem Stand der Wissenschaften und dem des Lehramts sei groß. Außerdem: Wer als junger Mensch bekenne, katholisch zu sein, müsse sich oft rechtfertigen. Wer dann aber etwa seinem Dating-Partner erkläre, dass es auch unter Katholiken offen und reformbewusste Vertreter gebe, höre unter Umständen: "Ja, wenn Kirche so wäre wie du!"
Weizsäcker versprach denn auch in Sachen Reformen: "Wir machen weiter Druck." Als mutiges Zeichen wertete sie die Aktion "Out in Church", bei der sich queere Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich in der Kirche tätig sind, geoutet hatten. Diese blieben mit ihrem Anliegen weiter unbequem: "Und das muss so sein."
Wünsche für die Zukunft
Was die Studie noch zeigte: dass die von Caritas und Diakonie geleistete soziale Arbeit hohe Anerkennung genießt. Zudem wünschten sich die Menschen mehrheitlich, die Kirche möge sich nicht nur zu religiösen Themen zu Wort melden, obwohl das Vertrauen in die Institution selbst gewaltig gesunken ist.
Und wie wird die Lage 2032 aussehen? Weizsäcker hofft, dass es dann die Kirchen noch gibt. Sauer wünscht sich, dass es gelingen möge, die Grundlagen des christlichen Glaubens klar zu benennen, damit die Gesellschaft wieder zusammenwachsen könne. Sauer möchte in der nächsten KMU lesen: "Danke für die Reformen." Kopp setzt darauf, dass in sieben Jahren mehr Menschen wissen mögen, was die Kirchen an Gutem bewegten.