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Am Anfang einer schmerzvollen Entwicklung

Architekt Christian Brückner in der von ihm selbst gestalteten Pirckheimerkapelle im Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus. Dafür wurde er mit dem Deutschen Holzpreis 2011 geehrt. Foto: Siegfried Grillmeyer
Architekt Christian Brückner in der von ihm selbst gestalteten Pirckheimerkapelle im Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus. Dafür wurde er mit dem Deutschen Holzpreis 2011 geehrt. Foto: Siegfried Grillmeyer

Nürnberg (buc) – Angesichts der verbreiteten Glaubenskrise und eingeschränkter finanzieller Möglichkeiten der Kirche rechnet Erzbischof Herwig Gössl mit deutlich weniger Kirchengebäuden als bisher. „Die ersten Kirchen mussten wir schon profanieren und aufgeben“, sagte er beim Aschermittwoch der Künstler in Nürnberg. „Vermutlich war das erst der Anfang einer schmerzvollen Entwicklung.“ Für diesen Prozess brauche es eine gute Begleitung jener Menschen, die den Verlust von Gotteshäusern betrauerten, vor allem aber auch eine Stärkung des Glaubens an Gott.

 

Kirchengebäude hätten so lange eine Zukunft, wie sie für das Gebet aufgesucht würden, fügte Gössl in seiner Predigt beim Wortgottesdienst in der Kirche St. Klara zum Auftakt des Treffens hinzu. „Wo sie nur noch von kunsthistorischem Interesse sind, verlieren sie ihre Bedeutung und Strahlkraft.“ Dann könnten sie auch aufgegeben werden. „Gott braucht die Kirchengebäude nicht“, erläuterte der Erzbischof. „Er kann uns auch so nahe sein. Aber uns Menschen helfen sie.“ Kirchen seien Orte des Gebets und böten die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen.

 

Erinnerung und Zukunft

 

Der diesjährige Aschermittwoch der Künstler widmete sich unter dem Leitwort „Erinnerungsräume. Zukunftsräume“ vor allem der Architektur von Kirchen sowie der Funktion bildender Kunst in den Gotteshäusern. Hauptredner im Caritas-Pirckheimer-Haus (CPH) war der Architekt Christian Brückner. Er zeigte sich überzeugt, dass die Menschen auch in der Zukunft „Räume für die Seele“ brauchen. Brückner verwies auf eine Reihe innovativer Neubau- oder Umgestaltungsprojekte von Kirchen, etwa die hölzerne Waldnaabkapelle bei Tirschenreuth oder St. Anton in Schweinfurt.

 

Brückner & Brückner mit Standorten in Tirschenreuth und Würzburg gelten als eines der führenden internationalen Architekturbüros im Bereich der Kirchengestaltung. Das vielfach ausgezeichnete Unternehmen hat heute rund 60 Beschäftigte. Zu den Arbeiten von Brückner & Brückner zählen unter anderem die vollständige Neugestaltung der evangelischen Christuskirche in Neumarkt in der Oberpfalz, die multikonfessionelle Chapel Netzaberg in Grafenwöhr und die vollständig aus Holz gearbeitete CPH-Hauskapelle in Nürnberg. Dafür erhielten die Brückners den Deutschen Holzpreis 2011.

 

In die Diskussion hatte Birgit Kastner eingeführt, Leiterin der Hauptabteilung Kunst und Kultur im Erzbistum, die den Aschermittwoch der Künstler jedes Jahr veranstaltet. Kastner verwies auf die Aufgabe der Architektur, künstlerischen Ausdruck mit materieller Gestaltung zu verbinden. Das Erscheinungsbild einer Kirche wecke Emotionen und transzendiere Ideen. Die Ordinariatsrätin stellte die Frage, wie es gelingen könne, mit den bestehenden Kirchenbauten in die Zukunft zu kommen.

 

Der in Berlin lehrende Kunsthistoriker Stefan Trinks verwies auf das „Horrorszenario“, dass in den nächsten Jahren etwa die Hälfte der Kirchengebäude aufgegeben, umgewidmet oder abgerissen werden könnten. Im Bistum Essen etwa könnten 60 bis 70 Prozent der Gotteshäuser wegfallen, da es sich um schlecht ausgeführte Bauten der Nachkriegszeit handele. Von einem solchen Szenario ist Bamberg allerdings weit entfernt, wie nicht nur Kastner betonte. Hier stünden rund vier Fünftel der Kirchen unter Denkmalschutz.

 

Trinks, der auch das Kunstressort der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ leitet, plädierte zudem entschieden dafür, Gotteshäuser auch als Kunsträume zu betrachten: „Die Menschen strömen in die Kirchen, lassen sich berühren von Kunst.“ Unter Verweis auf die Besucherströme in der nach dem Brand von 2019 restaurierten Kathedrale Notre-Dame in Paris bezeichnete es als einen Hoffnungsschimmer, dass man die Kunst in den Kirchen aktuell halte. Auch Gössl unterstrich, Kunst müsse ihren Platz in den Gotteshäusern haben. Man wolle keineswegs die Hälfte der Kirchen entfernen: „Das ist nicht meine Vision.“ Er beharrte allerdings darauf, dass die Kirchengebäude ihre Ausstrahlung verlören, „wenn sie nicht mehr Orte des Gottesdienstes und des Glaubens sind“.