
Nürnberg (buc) – Eindrucksvolles Plädoyer für Toleranz, Offenheit und Meinungsfreiheit: Die Bamberger Rabbinerin Antje Yael Deusel hat bei der traditionellen Festveranstaltung im Fürther Helene-Lange-Gymnasium zum Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit darauf aufmerksam gemacht, wie nötig gesellschaftlicher und religiöser Zusammenhalt in der Gegenwart sind. Die Ärztin und jüdische Geistliche rief die zahlreichen Elftklässler, die an der Feierstunde teilnahmen, unter anderem dazu auf, sich gründlich zu informieren und nicht jenen zu glauben, „die am lautesten schreien oder die meisten Anhänger haben“.
Die 65-Jährige äußerte sich in der Aula der Schule zum Thema „Füreinander streiten“. Streit müsse nicht negativ sein, sondern setze einen eigenen Standpunkt voraus, den man für richtig erachte. Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, so die Rabbinerin, dürfe aber nicht missbraucht werden, um andere zu beleidigen oder zu bedrängen. Sich informieren bedeute vielleicht auch, sich auf neue Sichtweisen einzulassen. „Sind wir bereit, uns damit auseinanderzusetzen?“
Deusel, die auch Ärztin ist, war die erste deutsche Rabbinerin, die hier im Land ausgebildet und ordiniert wurde, 2011 in Bamberg. Seit 2015 ist sie dort in der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila tätig. Sie berichtete unter anderem von den vielen interreligiösen Kontakten in der Stadt. Begegnungen seien „enorm wichtig“, um Vorurteile abzubauen. Diese gebe es auf allen Seiten. „Dialog ist dafür da, voneinander zu lernen“, aus erster Hand“, so die Geistliche. „Man fürchtet und dämonisiert nur das, was man nicht kennt.“
Deusel verband ihre Werbung für Toleranz mit dem Aufruf, im Zweifelsfall zu widersprechen, nicht zu schweigen: „Es gibt Situationen, in denen ich mich entscheiden muss.“ Wenn man sich einfach heraushalte, sei das Zustimmung. „An allem Übel, das geschieht, sind nicht nur die schuld, die es tun, sondern auch die, die es nicht verhindern.“ Die Rabbinerin betonte, ein Gewissen oder eine religiöse Vorstellung zu haben, sei „nicht uncool“. Allerdings brauche es keine Religion, um ethisch zu handeln.
Zentrum des Judentums
Zu Beginn der Veranstaltung hatte stellvertretender Schulleiter Christian Preitschaft die Gäste begrüßt. Es sei der Auftrag aller, „Brücken zu bauen zwischen Religionen, Kulturen und Generationen“. Der Pädagoge würdigte die historische Rolle der Stadt Fürth als ein bedeutendes Zentrum jüdischer Kultur. Die Shoah, die Ermordung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg, habe eine Lücke hinterlassen, die nie ganz ausgefüllt werden könne. Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus in Deutschland sagte Preitschaft, es reiche nicht aus, sich an Gedenktagen an die Vergangenheit zu erinnern. „Wir müssen jeden Tag aufstehen gegen Hass und Hetze.“
Auch der zweite Bürgermeister Fürths, Markus Braun (SPD), mahnte eine Haltung der Offenheit und der Pluralität an. Die Stadt stehe für Toleranz sowie für „Unterschiedlichkeit, Buntheit und Vielfalt aller Menschen, die hier leben“. Fürth war über viele Jahrhunderte hinweg eines der wichtigsten Zentren des Judentums in Mitteleuropa und galt als „fränkisches Jerusalem“. Die Geschichte der Juden in der Stadt ist seit dem 15. Jahrhundert bezeugt. In der Shoah starben zahllose jüdische Fürtherinnen und Fürther, nach dem Krieg kehrten lediglich einige Dutzend Juden in die Stadt zurück. Die heutige Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hat rund 500 Mitglieder. IKG-Vorsitzende Julia Tschekalina sagte beim Festakt, die Gemeinde fühle eine starke Unterstützung durch Stadt, Kirchen, Zivilgesellschaft.
Namens der christlichen Kirchen betonte Dekan André Hermany, wenn man füreinander streite, gebe es keine Gewinner und Verlierer, sondern nur Fortschritt. Die Fundamente des Christentums lägen im Judentum, so der katholische Geistliche. Er rief die Kirchen dazu auf, die Ökumene voranzutreiben. „Anders haben wir in unserem Land keine Chance mehr.“
Deusel berichtete gegen Ende ihrer Rede an eine Begegnung in der Bamberger Synagoge gegen Ende der Coronazeit. Ein alter Mann habe aus Freude geweint: „Wir haben wieder Gottesdienst, gemeinsam. Wir können wieder zusammen beten.“ Da sei ihr noch einmal bewusst geworden, wie wichtig die Gemeinde und wie wertvoll die Gemeinschaft ist. Sie schloss mit einem Wort der Schriftstellerin Cornelia Funke, die nach eigenem Bekunden nicht an einsame Helden glaubt: „Gemeinsam ist man im Leben so viel stärker. Ich glaube an Zusammenhalt und daran, dass man nicht nur an sich selber denken soll.“