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Ein"zänkisches Ding" mit Langzeitwirkung

Am historischen Ort: Im Großen Saal des Nürnberger Rathauses fand die internationale Tagung zum Religionsgespräch von 1525 statt. Foto: Bernd Buchner
Am historischen Ort: Im Großen Saal des Nürnberger Rathauses fand die internationale Tagung zum Religionsgespräch von 1525 statt. Foto: Bernd Buchner

Nürnberg (buc) – Genau fünf Jahrhunderte nach dem Nürnberger Religionsgespräch haben Stadt und Kirchen mit einer hochkarätig besetzten internationalen Tagung am historischen Ort im Rathaussaal sowie einem ökumenischen Gottesdienst am Grab des heiligen Sebaldus an das welthistorische Ereignis vom März 1525 erinnert. Nürnberg nahm nach der Disputation als erste Stadt überhaupt das lutherische Bekenntnis an, viele Altgläubige und auch Radikale wurden vertrieben, erst Jahrhunderte später kehrte die Bekenntnisfreiheit zurück.

 

An der zweitägigen Konferenz im Nürnberger Rathaussaal, wo das Religionsgespräch seinerzeit ausgetragen wurde, nahmen zahlreiche Fachleute aus dem In- und Ausland teil, unter ihnen der Göttinger Reformationshistoriker Thomas Kaufmann, die Dresdner Literaturwissenschaftlerin Marina Münkler sowie die australische Historikerin und Lutherbiografin Lyndal Roper. Ein Grußwort zum Auftakt sprach der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU). 

 

Die Tagung fragte nach Anlass, Hintergründen und Folgen des Religionsgesprächs, zu dem sich vom 3. bis 14. März 1525 wichtige Theologen und Prediger der Stadt im Rathaus versammelt hatten, um die Grundlagen des christlichen Glaubens zu verhandeln. Die Initiative dazu war vom Rat der Stadt ausgegangen, der bereits seit längerem der Reformation zuneigte. Die papsttreue Seite sah dem Gespräch zu Recht als „zänkisches Ding“ entgegen, das dem bisherigen Glauben zumindest in Nürnberg die Grundlage entziehen würde.

 

Münkler machte in ihrem Auftaktvortrag darauf aufmerksam, dass Nürnberg aufgrund der herausgehobenen Stellung der Stadt im Reich moderater als anderswo mit dem religiösen Problemen umzugehen hatte. So habe es hier beispielsweise keinen Bildersturm gegeben wie sonst im protestantisch gestimmten Lager. Die Forscherin wies zudem auf den Zusammenhang zwischen dem Ablasswesen, das eine der Ursachen der Reformation war, und der „Türkengefahr“ hin. Das Osmanische Reich hatte wenige Jahrzehnte vor der Reformation Byzanz erobert und versuchte, seine Macht in Richtung Mitteleuropa auszubauen.

 

Beginn der Sozialfürsorge

 

Kaufmann wies in seinem Festvortrag tags darauf auf weitere Nürnberger Besonderheiten in der Reformationszeit hin. So hätten dort die Geistlichen selbst bereits vor der politischen Entscheidung für das Luthertum Änderungen beim Gottesdienst vorgenommen, etwa die deutsche Predigt oder das Abendmahl unter beiderlei Gestalt. Schon drei Jahre vor dem Religionsgespräch hatte die Stadt eine Armenordnung erlassen, womit das Almosengeben seines „verdienstlichen Charakters“ entkleidet worden sei. Im Kern liegt hier der Beginn der modernen Sozialfürsorge, verbunden auch mit dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Hatte der Auftaktabend der Konferenz noch den Eindruck einer affirmativen lutherischen Jubelfeier mit jovialen Glückwünschen des Landeschefs und katholischen Hinterbänklern erweckt, so erlangte am zweiten Tag die historisch-politische Substanz des Treffens wieder das Übergewicht. Kaufmann, der zu Beginn seines Vortrags angekündigt hatte, „Schwarzbrot statt Lebkuchen“ mitzubringen, gelangte zu der Einschätzung, dass sich Religions- und Sozialpolitik im protestantischen Nürnberg ergänzt hätten: „Sie trugen auch dazu bei, soziale Unruhen zu kanalisieren und zu beruhigen.“

 

Die Bedeutung der Reformation als stadtgeschichtliche Zäsur unterstrich auch der Leipziger Historiker Enno Bünz, während die in Unterhaching tätige Theologin Katharina Will die Transformation des Nürnberger Stiftungswesens unter die Lupe nahm, bei dem vor allem das untergründige Fortwirken der eigentlich unlutherischen Werkgerechtigkeit ins Auge fiel. Eine instruktive Interpretation von Albrecht Dürers „Bauernsäule“ gab Lyndal Roper und betonte dabei vor allem den zeitgleich mit der Reformation verfochteten freiheitlichen Anspruch der Bauern. Roper ist jüngst mit einem umfangreichen Buch über die Bauernkriege von 1525 hervorgetreten.

 

Der ökumenische Festgottesdienst in St. Sebald, mit dem das Gedenken an das Religionsgespräch seinen geistlichen Höhepunkt fand, stand ganz im Zeichen des konfessionellen Miteinanders. Schon bei der Tagung selbst hatte Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) eine Vertiefung der Ökumene angemahnt: „Lasst uns mehr wagen!“ Des öfteren war von dem Nürnberger Ratsmitglied Georg Frölich die Rede, der mit seinem energischen Plädoyer für religiöse Toleranz auch für Juden und Muslime nicht den Ton des Reformationszeitalters traf.

 

„Tiefes Sehnen“ nach Einheit

 

In der Feier sagte der evangelische Stadtdekan Jürgen Körnlein, man denke „mit Scham“ an den vormaligen Umgang mit anderen Religionen. Erzbischof Herwig Gössl betonte, in der Reformation sei die Einheit der Kirche zerbrochen und bisher nicht wiederhergestellt worden. Es gebe aber ein „tiefes Sehnen“ danach. Die Einheit lasse sich nicht durch Mehrheitsentscheidungen herbeiführen, sondern nur „durch das Hören auf den Ruf des Herrn“. Auch Regionalbischöfin Elisabeth Hann von Weyhern warb für mutige ökumenische Schritte. Es gehe aber nicht um Einheitlichkeit, sondern um Vielfalt auf der Grundlage des Evangeliums. Auch jene, die damals dem Zwang der Einheitlichkeit weichen mussten, „stehen heute mit uns am Altar“, so die evangelische Geistliche.